Artikelreferenzen

Wenn Minuten zur Ewigkeit werden

von Martin Siemer

Bei lebensbedrohlichen Erkrankungen zählt jede Sekunde - Corhelp3r kein Ersatz für Hauptamtliche

Von Martin Siemer

Sobald die Großleitstelle einen Einsatz mit dem Stichwort „Reanimation“ oder bei Kindern unter zehn Jahren erhält, löst die Corhelp3r-App im Drei-Kilometer-Umkreis des Notfallortes aus. Landkreis Oldenburg. Wenn jemand in eine lebensbedrohliche Notlage gerät, ist schnelle Hilfe erforderlich. Bei Herzinfarkt oder Schlaganfall zählt jede Sekunde. Der Landkreis Oldenburg sorgt mit seinen sechs Rettungswachen, der Notarztwache in Bookholzberg und entsprechenden Einsatzfahrzeugen dafür, dass diese schnelle Hilfe gewährleistet ist. „Mit Blick auf Niedersachsen sind wir gut aufgestellt“, sagt Christian Wolf. Der Erste Kreisrat ist Dezernent in der Kreisverwaltung. In seinen Zuständigkeitsbereich fällt der Rettungsdienst.

Trotzdem kommt es immer wieder vor, das Kritik an vermeintlich zu langen Anfahrtswegen der Rettungswagen (RTW) oder Notärzte geübt wird. In den meisten Fällen ein subjektiver Eindruck, denn in einer Notsituation können Minuten zu gefühlten Stunden werden. In der Kreisstadt Wildeshausen sind zwei Rettungswagen und ein Notarzteinsatzfahrzeug stationiert. In Ganderkesee stehen zwei Rettungswagen, in Hude einer. Der Notarzt versorgt vom strategisch günstig gelegenen Bookholzberg sowohl Ganderkesee als auch Hude. Für die Samtgemeinde Harpstedt steht im Flecken Harpstedt ein Rettungswagen sowie ein Reserve-RTW zur Verfügung.

Auch bei dieser insgesamt guten Ausstattung kommt es immer wieder vor, das Rettungsfahrzeuge aus einer Gemeinde in die Nachbargemeinde ausrücken. Sei es, weil das dortige Fahrzeug sich gerade im Einsatz befindet. Oder einen Patienten in ein Krankenhaus nach Oldenburg oder Bremen bringt. Die gesetzlich vorgeschriebene Hilfsfrist von 15 Minuten bei Rettungsdiensteinsätzen wird jedoch fast immer eingehalten. In den meisten Fällen sogar deutlich unterschritten.

Möglich macht das unter anderem die „Dynamische Steuerung im Rettungsdienst“, mit der die Großleitstelle Oldenburg (GOL) den jeweils nächstgelegenen freien RTW oder Notarzt alarmiert. So kann es durchaus vorkommen, dass ein RTW aus dem Landkreis Cloppenburg, der einen Patienten ins Krankenhaus Johanneum eingeliefert hat, seinen nächsten Einsatz vor Ort fährt. Frank Leenderts, Leiter der Großleitstelle Oldenburg, betont jedoch, dass die überörtlichen Rettungsfahrzeuge nur bei wirklichen lebensbedrohlichen Lagen eingesetzt werden. „Sie können sicher sein, das wir keinen Rettungswagen aus Wildeshausen oder Delmenhorst in Oldenburg bei einen Beinbruch einsetzen“, erklärt Leenderts.

Um das funktionierende System dennoch weiter zu verbessern, hat der Landkreis Oldenburg zusammen mit den Landkreisen Ammerland, Cloppenburg, Vechta, Wesermarsch und den kreisfreien Städten Delmenhorst und Oldenburg im Dezember 2017 die Alarmierungs-App "Corhelp3r“ gestartet. Das System wurde in Aachen entwickelt und kommt sowohl dort wie auch in Duisburg und in Vorpommern-Greifswald zum Einsatz.

Mit der App, die auf dem eigenen Smartphone installiert wird, kann sich jeder, der über eine Erste-Hilfe-Ausbildung verfügt oder als Arzt, Pflegekraft oder Notfall- und Rettungssanitäter tätig ist, registrieren lassen. Sobald die GOL einen Einsatz mit dem Stichwort „Reanimation“ oder bei Kindern unter zehn Jahren erhält, löst die App im Drei-Kilometer-Umkreis des Notfallortes aus, alarmiert die dortigen Erst-Helfer und navigiert diese zum Einsatzort. Sie sind dann in der Regel schneller beim Patienten als der Rettungsdienst. „Einen zweiten Helfer können wir dann zu einem Automatischen Defibrillator leiten, mit dem die Reanimation unterstützt wird“, erklärt Rabea Beyer, Koordinatorin der Gesundheitsregion Landkreis Oldenburg. Bei 48 kamen tatsächlich einer oder mehrere Ersthelfer zum Einsatz. Bislang wurde die App im Bereich des Landkreises Oldenburg 424 heruntergeladen, 232 der Helfer wiesen eine entsprechende Qualifikation nach.

Seit dem die App freigeschaltet ist, hat Beyer im Landkreis Oldenburg 111 Einsätze gezählt: „Die App soll auf keinen Fall ein Ersatz für den hauptamtlichen Rettungsdienst sein“, unterstreicht Jürgen Ohlhoff, Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreises. Er sieht darin eher ein Zusatzangebot für jeden, der eine Erst-Helfer-Ausbildung besitzt. Zudem seien rund 80 Prozent der bislang registrierten Helfer fachliche Profis. „Die würden ohnehin helfen, wenn sie von dem Notfall in ihrer Nähe erfahren“, ergänzt Beyer. Diese Selbstverständlichkeit möchte man in die breite Masse der Bevölkerung hineinbringen. Ziel ist es, 1000 oder noch besser 1500 registrierte Helfer zu haben. „Es gibt noch so viel zu tun“, sagt Rabea Beyer.

Einer dieser engagierten Erst-Helfer ist der Wildeshauser Daniel Müller. Der 34-Jährige ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und verfügt über eine entsprechende Rettungsdienstausbildung. Müller hat im vergangenen Jahr selbst acht Reanimationen durchgeführt. „Bei vier Einsätzen war ich zufällig im Feuerwehrhaus und konnte von dort unseren Notfallrucksack und den Automatischen Defibrillator mitnehmen“, erzählt er. Aktive der Feuerwehr Wildeshausen rückten insgesamt zwölf Mal zu Corhelp3r-Einsätzen aus.

Zurück