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Wenn die Trompete die erste Geige spielt

von Martin Siemer

Das Porträt: Ein Blasinsturment hat den Lebensweg des Wildeshausers Holger Becker geprägt

Wildeshausen. Dass Holger Becker einmal Profimusiker sein würde, das war bei seiner Geburt noch nicht absehbar. Obgleich der heute 44-Jährige in eine ausgesprochen musikalische Familie hineingeboren wurde. Vater Helmut Becker spielte Tuba und zählte zu den Gründungsmitgliedern des Musikkorps Wittekind und den Freizeitmusikanten, dem heutigen Blasorchester Wildeshausen (Blow). Mutter Erika, in späteren Jahren Vorsitzendes von Blow, spielte Saxofon. Und auch Holger Beckers Geschwister waren und sind musikalisch aktiv.

Im Alter von sechs Jahren fing er mit dem Klavierunterricht an. Aber eigentlich wollte er Schlagzeug lernen. „Meine Eltern hielten es aber für sinnvoller, dass ich zunächst ein Melodieinstrument lernte.“ Also begann er mit dem Trompetenunterricht. Mit 14 kam dann doch der langersehnte Schlagzeugunterricht dazu. Die Trompete blieb aber das Instrument, das Holger Beckers späteren Lebensweg prägen sollte.

„Thomas Trumm, 1. Solotrompeter am Oldenburgischen Staatstheater, unterrichtete mich und bereitete mich für Jugend musiziert und später auch für das Studium vor. Da hab ich den Dreh bekommen, dass man die Musik auch zum Beruf machen könnte“, erinnert sich Becker. Nach dem Abitur und dem Grundwehrdienst 1994 begann er das Trompetenstudium bei Otto Sauter an der Hochschule für Künste in Bremen. Dabei kam ihm auch der Klavierunterricht zugute, denn die Beherrschung dieses Instruments gehörte zur den Aufnahmebedingungen.

Von 1998 bis zum Jahr 2002 besuchte Becker parallel die private Trompetenakademie Bremen von Otto Sauter. „Es gab dort internationale Lehrer, zum Beispiel Thomas Stevens aus Los Angeles. Ich erinnere mich noch, wie ich bei Allen Vizzutti vorspielen musste und schlotternd vor ihm stand“, sagt Holger Becker und lacht. Denn heute spielt er mit Vizzutti zusammen in der Formation Sound-Inn-Brass. „Das ist schon ein tolles Erlebnis, mit Leuten zu spielen, die man von CDs her kennt.“ Eine andere Formation, in der Holger Becker die Trompete bläst, sind die Swingin‘ Fireballs, die das Hamburger Abendblatt als „Deutschlands beste Swing-Jazzer“ titulierte. Mit beiden Ensembles tritt er europa- und auch weltweit auf.

Robert Martin „Bob“ Lanese ist ein weiterer prominenter Musiker, der Holger Beckers Weg kreuzte. Lanese ist vielen als Leadtrompeter des Orchesters von James Last bekannt. Er leitete die Werder-Bremen-Big-Band, bei der auch Holger Becker engagiert war. „Mein Studium war zwar rein klassisch geprägt, aber ich habe mich immer für Jazz und die Big Band interessiert.“ Noch während des Studiums erhielt Becker mehrere Stipendien, die ihn unter anderem nach Japan (Toho Gakuen Orchestra Academy/Toyama) und die USA (Festival of Performing Arts/Idyllwild, California) führten. Und auch das Landestheater Schleswig- Holstein in Flensburg wurde auf ihn aufmerksam und engagierte den jungen Trompeter. „Irgendwann rief die Hochschule für Künste an und sagte, ich müsste mal langsam meinen Abschluss machen“, lacht Becker. Den schaffte er ohne Probleme. „Eigentlich hatte ich gar keine Zeit zum Üben.“

Seit 2007 spielte der Wildeshauser dann in Musicals am Operettenhaus und der Neuen Flora in Hamburg. So war er als Erster Trompeter unter anderen an den Premieren der Musicals „Ich war noch niemals in New York“ mit der Musik von Udo Jürgens und „Rocky“ beteiligt. „Rocky war das erste Musical, das die Weltpremiere in Deutschland hatte und erst dann den Weg zum Broadway gefunden hat“, sagt der Musiker.

In diesem Jahr hat er sein Engagement in Hamburg jedoch beendet, auch wegen der Fahrerei: „Die Autobahn 1 ist fahrerisch eine Herausforderung mit den ganzen Baustellen. Da hilft eine gewisse Grundgelassenheit.“ Aber auch die Kosteneinsparungen bei den Musicals sind ein Grund. „Bei manchen Produktionen wird die Trompete heute über die Technik eingespielt. Die Orchester werden zunehmend weggespart“, klagt Becker. Ab Oktober heuert Becker nun erneut bei der Bundeswehr an und ist als Musiker dabei, wenn das Marinemusikkorps Wilhelmshaven wieder aufgebaut wird.

Neben der beruflichen Tätigkeit findet er aber immer auch noch Zeit für die Amateurorchester in der Region. Seit 1982 gehört er zum Blasorchester Wildeshausen, das er seit Mitte der 1990er-Jahre leitet. Seit 2018 ist er zudem Dirigent des Musikkorps Wittekind. „Die beiden Orchester liegen mir besonders am Herzen, so etwas hat nicht jeder Ort und jede Stadt.“ Bereits seit 2015 leitet er die Blaskapelle Oyten.

Mit den beiden Wildeshauser Orchestern erarbeitet er zurzeit ein Filmmusikkonzert, das am 7. September in der Harpstedter Christuskirche zu hören sein wird. Die Zusammenarbeit macht für ihn Sinn. „Jedes Orchester allein klingt gut, zusammen klingt das nochmal ganz anders und voller.“ Becker möchte diese Zusammenarbeit ausbauen und das Niveau behutsam weiter steigern.

Obwohl er schon seit Jahren auch in Wildeshausen Musik macht, gab es für ihn in diesem Jahr doch noch eine Premiere. Erstmals dirigierte Holger Becker den Großen Zapfenstreich zum Auftakt des Wildeshauser Gildefestes. „Das ist schon etwas anderes, ob man als Musiker mitläuft oder die Verantwortung trägt.“ Es gab jedoch viel Unterstützung vom Spielmannszug und von den Offizieren der Gilde. Eine logistische Herausforderung waren jedoch die Uniformwechsel vom Blasorchester zum Musikkorps und zurück.

Dass so viel musikalische Ausstrahlung nicht ohne Wirkung bleibt, ist einleuchtend. Ehefrau Swantje spielt seit Jahren Klarinette und ist im Blasorchester Wildeshausen aktiv. Sohn Mattis (11) lernt Posaune. Und der Jüngste, Ole (6), darf demnächst mit dem Schlagzeugunterricht anfangen. Und zwar ohne vorher ein Melodieinstrument lernen zu müssen wie einst sein Vater.

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