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Leere Regale und eine Geisterstadt

von Martin Siemer

Die Wildeshauserin Susanne Heger erlebt die Corona-Krise in Florida

Von Martin Siemer

Naples/Wildeshausen. Urlaub im sonnigen Florida. Ein Traum für viele Menschen. Zurzeit aber eher ein Albtraum. Denn auch die USA sind schwer von der Corona-Pandemie betroffen. Mittendrin die Wildeshauserin Susanne „Suse“ Heger. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Siggi Heger besitzt die 57-Jährige zwei Ferienhäuser und eine Ferienwohnung in Naples, einer Kleinstadt von der Größe Wildeshausens. Mit einem Unterschied, Naples ist ein Urlaubsort.

Am Telefon schildert Susanne Heger die derzeitige Situation: „Das ist eher eine Urlaubsstadt, die im Winter voll ist, weil in der kalten Jahreszeit Saison ist. Es wohnen 20 000 Leute fest hier, in der Saison sind es 120 000 Menschen. Und ich würde sagen, ein Großteil von denen ist abgereist. Mittlerweile ist das hier eine Geisterstadt.“

Eigentlich wollten die Hegers am 31. März nach Naples fliegen. Doch dann kündigte US-Präsident Donald Trump einen Einreisestopp an. „Ich wusste, ich muss hier rüber. Ich hab ja hier auch eine Verantwortung. Weil wir ein Haus haben. Niemand weiß, was jetzt hier passiert. Und darum habe ich gesagt, einer von uns muss jetzt dort sein.“

Suse Heger buchte am 12. März Zug- und Flugticket, fuhr am 13. März von Wildeshausen über Osnabrück nach Düsseldorf zum Flughafen. Schon das war ein Abenteuer. Der Zug hatte in Osnabrück Verspätung. Der Bahnhof eine einzige Baustelle, ohne funktionierende Fahrstühle. „Dort traf ich dann auf einen Engel. Einen jungen Iraker, seit anderthalb Jahren in Deutschland. Er sprach schon ganz gut Deutsch und hat mir insgesamt dreimal die Koffer die Treppen hoch und runter getragen. Dafür wollte er mich sogar noch zum Kaffee einladen. Ohne ihn hätte ich das Umsteigen in Osnabrück nicht geschafft.“

In einem total leeren Flieger ging es von Düsseldorf Richtung USA. „Also ich denke, wir hatten eigentlich alle eine Vierer-Reihe. Ich hab auf eine Vierer-Reihe für einen längeren Mann verzichtet und bin freiwillig in eine Dreier-Reihe gegangen, weil ich ja nicht so lang bin.“ Um 18 Uhr landete sie in Miami, sechs Stunden vor dem Einreisestopp. Ehemann Siggi blieb zuhause, denn auch in Wildeshausen gibt es noch Dinge zu erledigen.

Weil ihre eigenen Unterkünfte noch vermietet waren, verbrachte Suse Heger die erste Nacht im Gästezimmer bei Freunden. „Und dann war ich eine Woche bei einer Facebook Freundin. Social Media ist gar nicht so schlecht, wie man immer behauptet. Sie hatte eine Stornierung für ihre Wohnung und hat gesagt ‚Du kann jetzt bei mir rein, jetzt müssen wir alle zusammen halten.‘“ Inzwischen ist sie aber in ihrer eigenen Wohnung.

Die Situation in Naples und Florida ist ähnlich wie in Deutschland. „Auf der anderen Seite glaube ich, Floridians sind deutlich gelassener, was Katastrophen angeht. Hier ist die Erfahrung im Umgang mit Katastrophen eine ganz andere als in Deutschland.“ Florida hat Überschwemmungen, hat Hurricanes. Aber die behördlichen Restriktionen sind deutlich schärfer als in Deutschland. „Zum Beispiel unsere Gäste aus North Dakota, die jetzt am Sonnabend vorzeitig abgereist sind, müssen zuhause erst einmal zwei Wochen in Quarantäne in ihrem eigenen Haus. Weil sie aus Florida kommen, weil es in Florida Coronafälle gibt.“ Andersherum müssen Gäste, zum Beispiel aus New York, in Florida zwei Wochen in Quarantäne, bevor sie sich frei bewegen dürfen. „Und ich müsste garantieren, dass ich die versorge.“

Auch hat man in Naples kurzerhand die Strände geschlossen. „Es ist gerade die Spring- Break-Zeit, die Teenager feiern ihre Schulabschlüsse und fahren traditionell irgendwo eine Woche an die Strände.“ Die Behörden hatten dazu aufgefordert, diese Partys zu unterlassen. „Das haben sie nicht gemacht und der Gouverneur hat sofort reagiert. Innerhalb eines Tages wurde beschlossen, die Strände werden zugemacht. Punkt.“

Ähnlich wie in Deutschland verhält es sich mit den Hamsterkäufen. „Ich war gestern bei Aldi, gibt’s ja hier auch. Ich habe irgendwie immer Glück, ich weiß nicht warum, wenn ich komme gibt’s Klopapier“, erzählt sie und lacht. Als sie an dem leeren Regal vorbei ging, kam ein junger Mann mit einem Warenroller, auf dem war eine Lieferung Toilettenpapier. „Da war sofort eine Traube um ihn herum und alle fragten ‚Is this for sale, is this for sale?‘ Die sind von der Palette weggerissen worden, die kamen gar nicht erst ins Regal.“

Ihre Zeit in Naples verbringt Suse Heger mit unzähligen Telefonaten mit Gästen. Denn planen kann sie nur von Tag zu Tag. „Noch am Freitag habe ich Leuten, die anreisen wollten, gesagt, hier ist zur Zeit alles offen, Strände wie auch Restaurants. Dann haben am nächsten Tag die Restaurants zugemacht und am übernächsten Tag die Strände.“

Durch die Situation kommt sie aber auch ihren Gästen näher. „Ich stelle fest, dass man auf einmal ganz viel über Gäste erfährt, was man sonst nie erfahren hätte.“ Ein Paar hatte seine Elternzeit mit den Großeltern geplant. Zwei Monate mit einer Reise durch Kanada. Schwiegersohn und Schwiegervater zusammen auf dem Motorrad von Las Vegas, den Highway runter und zum Abschluss alle zusammen drei Wochen in Florida im Ferienhaus. „Das sind Sachen, die jetzt nicht gehen. Und sie sagen. das werden wir nie nachholen können. Weil jetzt diese Elternzeit ist. Und das ist einmalig.“

Suse Heger vermutet, dass die Pandemie die Amerikaner schwerer treffen wird als die Deutschen. „Die Kellnerinnen hier zum Beispiel. Die leben von Woche zu Woche. Die kriegen jede Woche einen Paycheck. Die Restaurants haben jetzt geschlossen, dass heißt, die Kellnerinnen kriegen keinen Lohn mehr. In dem Moment, wo die nicht mehr bezahlt werden, können sie ihre Miete nicht mehr zahlen.“

Wann sie ihren Mann Siggi wiedersieht, ist zurzeit völlig offen. Ihr Rückflug ist für den 21. Juni geplant. „Ich weiß nicht, wann wir uns sehen. Wenn er kann, wird er kommen. Und wen nicht, dann ist das so.“

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