Artikelreferenzen

Kalte Küche

von Martin Siemer

Dehoga-Geschäftsführer Rainer Balke sieht viele Betriebe bei noch längerer Durststrecke „extrem gefährdet“

Landkreis Oldenburg. Die Gastronomen waren die Ersten, die ihre Kneipen, Restaurants und Hotels schließen mussten. Und sie werden vermutlich auch die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Sofern sie den wochenlangen Lockdown überstehen. Denn viele der Unternehmen, auch im Landkreis Oldenburg, haben schon jetzt große Sorgen. „Viele Betriebe sind extrem gefährdet“, sagt Rainer Balke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Niedersachsen (Dehoga), im Gespräch mit unserer Zeitung.

In Niedersachsen ist das Gastronomiegewerbe extrem kleinbetrieblich strukturiert. „80 Prozent der Unternehmen machen einen Jahresumsatz von unter 250 000 Euro und beschäftigen maximal bis zu zehn Mitarbeiter“, erklärt Balke. Eine Eigenkapitalbildung oder der Aufbau von Liquiditätsreserven sei unter diesen Bedingungen schwierig und kaum möglich.

Mit den Einschränkungen, die Bund und Land erlassen haben, seien Hotellerie und Gastronomie komplett heruntergefahren. „Bei den Hotels ist im Tourismusbereich überhaupt nichts mehr. Und auch die Sparte der Geschäftsübernachtungen ist stark eingebrochen“, sagt Balke. Viele Unternehmen hätten ihren Außendienst stark eingeschränkt oder komplett eingestellt. Und Monteure weichen oftmals auf günstige Privatunterkünfte aus. „Bei den Häusern, die die Geschäftsübernachtungen im Zusammenhang mit Tagungen oder Schulungen anbieten, ist das Geschäft gleich null.“

Zu den betroffenen Betrieben gehört auch das Hotel Gut Altona in Dötlingen an der Grenze zur Stadt Wildeshausen. Das erst vor knapp zwei Jahren nach einem Brand neu erbaute Haus wird zum Großteil für Tagungen und Seminare gebucht. Die Betreiberfamilie Ahrmann hat aus der Situation das Beste gemacht. So kann man im Hotel Räume für sein Homeoffice mieten, tageweise, mit Internetanschluss, Kaffee und einer reizvollen Naturumgebung. Unter der Überschrift „Gut Altona für zu Hause“ hat die Küche eine Auswahl an Gerichten zum Mitnehmen zusammengestellt. Auf Wunsch wird im Umkreis von zehn Kilometern auch geliefert.

Auf dem Kläner Hof in Dötlingen sind die sonnigen Außenplätze im Garten oder auf dem Hof vor dem alten Bauernhaus zurzeit verwaist. Dafür bieten Arnd Kläner und Sonja Scheele ihre selbst gebackenen Torten, Kuchen und Brötchen an den Wochenenden im Außerhausverkauf an. „Das läuft recht gut, auch weil wir schon vor Corona viele Stammkunden hatten, die sich bei uns ihren Kuchen geholt haben“, erzählt Arnd Kläner. Aber wie im Hotel Gut Altona ist auch das Außerhausgeschäft auf dem Kläner Hof nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Einnahmen decken nicht einmal die Kosten. „Damit kann man den Schaden, der gerade entsteht, nicht mal im Ansatz kompensieren“, sagt Rainer Balke.

Schon zu Beginn der Corona- Krise gab es Kritik aus Reihen der Gastronomie an den Förderrichtlinien. Anfangs hätten Gastronomen zunächst ihre liquiden Mittel aufbrauchen müssen, bevor es Geld von Land oder Bund gegeben hätte. Diese Rücklagen würden aber in dem Moment fehlen, wenn das Geschäft wieder anläuft und die Gehälter gezahlt oder frische Waren eingekauft werden müssen. Mittlerweile haben sich die Fördervoraussetzungen geändert, Rücklagen und liquide Mittel bleiben in gewissem Rahmen unberücksichtigt.

Trotzdem geht es bei vielen Unternehmen an die Substanz. Denn das gesamte Frühjahrsgeschäft mit Ostern, Konfirmationen oder Spargelessen ist weggebrochen. „Alle haben darauf gehofft, dass am 20. April auch das Gastronomiegewerbe wieder langsam hochfahren kann“, weiß Balke. Umso größer sei die Ernüchterung nach den Ankündigungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel aus der vergangenen Woche gewesen. Die Schließung von Restaurants, Cafés oder Hotels könne sich möglicherweise noch bis in den Mai hineinziehen. Es sei schwer abzuschätzen, wie viele Unternehmen eine solch lange Auszeit verkraften werden.

Ein wenig Hilfe könnte eine Herabsetzung der Umsatzsteuer für Gastrobetriebe bringen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hatte einen solchen Vorschlag unterbreitet. „Das entlastet die Betriebe, wenn sie wieder Umsätze generieren, ohne dass der Staat zusätzliche finanzielle Mittel zur Verfügung stellen muss“, betont Balke.

Zurück