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Bulgarische Mitarbeiter unverzichtbar

von Martin Siemer

Putenschlachter Geestland begegnet Kritik an den Arbeitsbedingungen in der Produktion

Von Martin Siemer

Wildeshausen. Die Fleischbranche steht seit Langem im Fokus der Öffentlichkeit. Nicht nur wegen der immer wiederkehrenden Lebensmittelskandale. Vor allem auch die Arbeits- und Lebensbedingungen der abertausend Mitarbeitenden, viele von ihnen Werkvertragsarbeiter, werden kritisch gesehen.

Auch der Wildeshauser Putenschlachter Geestland sieht sich mit dieser Kritik konfrontiert. Zu Unrecht, wie Geschäftsführer Norbert Deeken jetzt bei einer Informationsveranstaltung sagte. Das Treffen fand auf Initiative des Wildeshauser Kreistags- und Ratsabgeordneten Wolfgang Sasse (CDU) statt. Sasse und andere Kommunalpolitiker hatten bereits in der Vergangenheit wiederholt das Gespräch mit den Geestland-Verantwortlichen gesucht. Immer jedoch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nun erstmals waren auch Medienvertreter eingeladen.

Deeken erläuterte den Kommunalpolitikern, Vertretern der Stadtverwaltung und des Landkreises, weshalb Geestland nicht auf die Werkvertragsmitarbeiter verzichten könne. Von den derzeit 1050 Beschäftigten sind 300 direkt bei Geestland angestellt. Sie sind vor allem in den höher qualifizierten Bereichen beschäftigt. Dazu zählen die EDV, kaufmännische Fachkräfte, aber auch Lagerlogistiker oder Schlosser. Die Werkvertragsarbeiter kommen in der Schlachtung, der Zerlegung und der Produktion der Putenfleischartikel zum Einsatz.

Gerade die Arbeiten am Band seien nicht einfach: Bei Temperaturen um fünf Grad Celsius, ständig stehend und bei Schichten von bis zu zehn Stunden wird den Beschäftigten einiges abverlangt. „14- oder 16-Stunden- Schichten, wie oft behauptet wird, gibt es bei uns nicht“, betonte Deeken. In den Sommermonaten, in denen die Nachfrage nach Putenfleisch steigt, wird aber bei Geestland an sechs Tagen in der Woche in zwei Schichten jeweils zehn Stunden gearbeitet. In der Zeit dazwischen werden die Anlagen gereinigt.

„Alle unsere Mitarbeiter sind Vollzeit und sozialversicherungspflichtig beschäftigt“, erläuterte Deeken. Die Werkvertragsarbeiter sind bei zwei Dienstleistern angestellt. Diese zahlen den Mindestlohn von 9,35 Euro an die Beschäftigten. Nach einem Jahr erhielten die Werkvertragsbeschäftigten eine Erhöhung um 25 Cent, nach drei Jahren um weitere 50 Cent. Geestland selbst müsse einen höheren Betrag an die Dienstleister entrichten.

Aber das Unternehmen könne nicht auf die Hilfe Dritter verzichten. „Wir haben einen erhöhten Arbeitskräftebedarf hier am Standort. Auf der anderen Seite gibt es einen großen Arbeitskräftemangel, deutsche Mitarbeiter sind nicht zu bekommen“, schilderte Deeken die Situation. Die beiden Werkvertragsfirmen rekrutieren die Mitarbeiter überwiegend in Bulgarien. Für die Unterbringung stellt Geestland in Wagenfeld im Landkreis Diepholz zwei ehemalige und vollkommen sanierte Kasernenblöcke zur Verfügung. Ein Einzelzimmer von zwölf Quadratmetern kostet monatlich etwa 200 Euro Miete. „Wir stellen auch das Inventar in den Unterkünften, nebst Waschmaschinen.“ Geestland organisiert auch den Transport der Beschäftigten zur Arbeit und zurück zur Unterkunft. Für Deeken ein Beleg dafür, dass die Werkvertragsarbeiter oft besser als vergleichbare Beschäftigte gestellt seien.

Die Nachfrage, warum Geestland die Werkvertragsarbeiter nicht als eigene Beschäftigte einstellt, beantwortete Deeken nicht vertiefend. Er nannte vor allem die Vermischung von Werkvertragsarbeitern und Festangestellten als ein Problem. Beim Fleischproduzenten Goldschmaus in Garrel scheint dies allerdings zu funktionieren. Das Unternehmen hatte alle dort Beschäftigten selbst angestellt.

Für die Kommunalpolitiker waren vor allem die Fakten interessant, die Kindergärten und Schulen betreffen. Dort gibt es seit Längerem erhebliche Anforderungen bei der Integration der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Deeken sagte, dass zum Beispiel von den 78 bulgarischen Schülern an der Wallschule nur neun aus Familien stammen, die bei Geestland beschäftigt sind. Um die Integrationsbemühungen zu unterstützen, hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr 50 000 Euro an die Stadt Wildeshausen gezahlt. Ob diese Zahlung auch künftig fortgeführt werden kann, wird derzeit in Gespräche zwischen Stadtverwaltung und Geestland ausgelotet.

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