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„Einiges gelassener sehen“

von Martin Siemer

Im Gespräch: Wildeshausens Bürgermeister Jens Kuraschinski will städtebauliche Defizite beseitigen

Jens Kuraschinski ist seit dem 1. November 2014 Bürgermeister der Kreisstadt Wildeshausen. Mit Unterstützung der UWG sprang er als letzter Kandidat auf den Bewerberzug auf und gewann schließlich die Stichwahl. Die Stadtverwaltung kennt er in- und auswendig. Am 1. August 1990 begann er dort seine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter, wurde später Beamter des gehobenen Dienstes, durchlief mehrere Führungspositionen und war vor Amtsübernahme fünf Jahre allgemeiner Vertreter seines Vorgängers. Er ist zugleich General der Wildeshauser Schützengilde und Vorsitzender mehrere Vereine in der Kreisstadt, zum Beispiel beim Wildeshauser Spielmannszug, dem er bereits seit über 30 Jahren als Musiker angehört.

Das Stadthaus in Wildeshausen kennen Sie seit vielen Jahren. Hat der Schritt aus der Riege der Mitarbeiter nach vorne das Verhältnis zu den Kollegen verändert?

Jens Kuraschinski: Nein, es gab keinerlei Probleme im Haus, denn ich habe schon immer ein gutes Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen gepflegt. Trotzdem ist manchmal eine klare Ansage, aber mit dem richtigen Tonfall, wichtig. Der Wechsel auf den Bürgermeistersessel ist mir so gesehen nicht besonders schwer gefallen. Ich war ja schon fünf Jahre allgemeiner Vertreter meines Vorgängers, der zum Ende seiner Amtszeit bereits etwas kürzer getreten ist und ich mehr Verantwortung übernommen habe.

Sie konnten also die Arbeit nahtlos weiterführen?

Ja. Dennoch waren einige schwierige „Baustellen“ dabei, die wir zeitnah mit der Politik in Angriff genommen haben. Ich erinnere mich da zum Beispiel an den „Innenstadtfond“. Die Vereinbarung zur Stärkung der Innenstadt war juristisch umstritten. Letztendlich haben sich die Beteiligten dann gerichtlich im Wege eines Vergleiches geeinigt. Ein Teil des Geldes ist heute noch vorhanden und wir wollen dieses nach wie vor in der Zukunft für geeignete Maßnahmen zur Stärkung der Innenstadt einsetzen. Es ist uns in Wildeshausen ferner gelungen, kommunikativ besser aufzutreten und zusammen zu arbeiten, was für ein positives Image elementar wichtig ist. Leider funktioniert das innerhalb des Rates nicht immer reibungslos, aber das gute Verhältnis zwischen Rat und Verwaltung wurde auch dadurch gekennzeichnet, dass der Stadtrat die Hauptsatzung geändert hat, um der Verwaltung und im Ergebnis dann mir mehr Freiheiten einzuräumen.

Welche Baustellen wurden noch erledigt?

Da fällt mir spontan der Bau des neuen Feuerwehrhauses in Wildeshausen ein. Die Sanierung der Pagenmarsch war bei meinem Amtsantritt ja weitestgehend abgeschlossen. Doch auch beim Neubau stellten sich Probleme und Kostensteigerungen ein. Wir haben darauf reagiert und die Maßnahme neu organisiert. Dadurch konnten wir das Projekt am Ende unter Einhaltung des Budgets doch noch erfolgreich abschließen. Das neue Feuerwehrhaus hat echten Vorzeigecharakter. Das zeigen die zahlreichen Besucher auswärtiger Feuerwehren, die sich bei uns darüber informieren, wie man Feuerwehrhäuser heute baut und ausstattet. Ein Jahr nach ihrem Amtsantritt wurde Wildeshausen mit der Flüchtlingssituation vor besonderen Herausforderungen gestellt? Ja, das war eine wirkliche Herausforderung. Wir haben damals flexibel reagiert und bei uns im Haus intern einiges umgestaltet. Der Fachbereich 32 „Bürgerservice, Migration und Öffentliche Ordnung“ wurde neu gebildet und der Bereich „Migrationsarbeit“ deutlich verstärkt. Zeitweise war die Stadt mit annähernd 50 Mietobjekten einer der größten Mieter in Wildeshausen, um die Menschen möglichst dezentral unterzubringen. Die Herausforderungen konnten wir aber auch mit viel ehrenamtlichen Engagement meistern. Ich bin stolz und dankbar, dass sich die vielen Flüchtlingspaten und sonstigen ehrenamtlichen Helfer eingebracht haben. Insgesamt bin ich, losgelöst von diesem Thema, zum Beispiel der Feuerwehr oder den zahllosen anderen Vereinen und Institutionen dankbar für ihren Einsatz rund um ihre Heimatstadt, denn das Hauptamt wird dadurch enorm entlastet.

Nicht nur durch die Migration wächst die Bevölkerungszahl Wildeshausens. Dadurch steigt auch der Bedarf an Wohnraum. Wie regiert die Kreisstadt darauf?

Im sozialen Wohnungsbau haben wir mit der GSG Oldenburg, der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Wildeshausen und den VR Immobilien einige gute Projekte auf den Weg gebracht. Dadurch wird ein neuer Anteil an vor allem bezahlbarem Wohnraum geschaffen, um für Entlastung am Wohnungsmarkt zu sorgen. Und dort wird sich hoffentlich in der Zukunft weiterhin einiges tun. Weiter konnten wir nach langjährigen Verhandlungen im vergangenen Jahr neue Flächen im Stadtwesten für die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme „Vor Bargloy“ von einem Landwirt erwerben. Dadurch kann in diesem Bereich die Entwicklung von Wohnbauflächen ebenfalls weitergehen. Dazu gehört ebenso der Neubau einer Kindertagesstätte. Wir treffen dazu gerade die ersten Vorbereitungen. Dieser Neubau wird dazu beitragen, die im Moment noch bestehende Unterversorgung zu beseitigen.

Mehr Wohnbau im Stadtwesten bedeutet auch mehr Verkehr in diesem Bereich.

Deshalb müssen wir die geplante Entlastungsstraße parallel zum Westring alsbald angehen. Im Haushalt sind zunächst die Mittel für eine Baustraße von der Visbeker Straße bis zum Bargloyer Weg eingestellt worden. Die Straße ist notwendig, um insbesondere den Kreuzungsbereich Bargloyer Weg/Westring bei der weiteren Erschließung vom Baustellenverkehr zu entlasten.

Das alles kostet viel Geld. Gibt der Haushalt der Stadt diese Investitionssummen her?

Trotz aller Projekte, die wir in den vergangenen vier Jahren umgesetzt haben, ist es gemeinsam mit dem Rat gelungen, die Nettoneuverschuldung nicht zu erhöhen. Im Zuge der Haushaltsberatungen gilt es immer wieder sorgfältig abzuwägen, ob wir neu investieren oder eben Schulden zurückzahlen wollen. Das gilt und galt natürlich zum Beispiel ebenso bei der Entscheidung über die Sanierung des Freibades, die ohne Fördermittel kaum möglich wäre. Anstelle der Sanierung hätten wir den Haushalt entlasten können. Wir waren uns in der Politik aber einig, dass ein intaktes Freibad zur notwendigen Infrastruktur einer Kreisstadt gehört und für die künftige touristische Ausrichtung der Stadt Wildeshausen ebenso sehr wichtig sein wird.

Der Tourismus soll künftig in Wildeshausen eine größere Rolle spielen. Was ist dort angedacht?

Nun, wir haben zunächst eine neue Dachmarke auf den Weg gebracht und das Projekt „Wildeshausen 2030“ beschlossen. Dort wurden Schwerpunkte gesetzt, wohin wir uns mit der Stadt in den nächsten Jahren entwickeln wollen, um insbesondere städtebauliche Missstände zu beseitigen. Dazu gehört zum Beispiel die Entwicklung bestimmter Stadtquartiere. Als Erstes soll das „Grüne Band Hunte“ angegangen werden, denn in den Parkanlagen am Burgberg, am ehemaligen Feuerwehrhaus, der Herrlichkeit sowie an den Wallanlagen bestehen städtebauliche Defizite, die wir in den nächsten Jahren beseitigen müssen, um hier zusätzlich touristisch mehr zu bieten. Ziel ist es auch, die alsbald leer stehenden Polizeidienstgebäude zu erhalten und attraktiv umzunutzen sowie im ehemaligen Feuerwehrhaus an der Huntestraße das langersehnte Urgeschichtliche Zentrum anzusiedeln – einen Leuchtturm, von dem wir uns sehr viel versprechen und der den Bereich Fremdenverkehr für die Region deutlich aufwerten soll. „Wildeshausen 2030“ ist als strategisches Papier generell wichtig, auch um Fördermittel zu akquirieren, die wir dann für infrastrukturelle Bereiche ebenso beantragen können.

Viele Projekte und Vorhaben, keine neue Schulden. Woher sollen die Gelder kommen?

Nun, eine wichtige Einnahmequelle ist zum Beispiel die Gewerbesteuer. Sie macht in etwa ein Viertel unserer Erträge aus. Wir müssen unserer Wirtschaft deshalb gute Voraussetzungen sowie Expansionsmöglichkeiten bieten. Im Entwicklungsgebiet „Vor Bargloy“ gibt es zwar noch einige eingeschränkt nutzbare Gewerbeflächen, diese bieten aber nicht die notwendige Flexibilität für innovative Wirtschaftsunternehmen, die zum Beispiel auf einen Schichtbetrieb angewiesen sind. Deshalb versuchen wir, über eigene Planungsaktivitäten und interkommunale Kooperationen in den Bereichen „Wildeshausen-West“ und „Wildeshausen-Nord“ neue Flächen zu entwickeln, um unseren Betrieben Perspektiven zu bieten, Arbeitsplätze zu sichern und zusätzlich die Steuern am Ort zu halten. Wir wollen natürlich weiter als Standort konkurrenzfähig bleiben und neue Betriebe ansiedeln. Einige Projekte werden aber nur durch Kooperationen, Investoren und Fördermittel umzusetzen sein, denn allein aus Steuermitteln lässt sich bei Weitem nicht alles umsetzen.

Mit ihrem Amtsantritt haben sie viele neue Aufgaben übernommen. Wie wirkt sich die Arbeit auf ihr Privatleben aus?

Meine Frau und meine beiden Töchter stehen hundertprozentig hinter mir, das ist ganz wichtig. Wir haben das Familienleben neu ausgerichtet, da ich oftmals abends oder am Wochenende unterwegs bin. Ich versuche dabei immer, mir trotzdem die notwendige Zeit für die Familie zu nehmen, auch wenn das Zeitfenster dafür deutlich enger geworden ist als vorher. Der viel zu frühe Tod meines nur zwei Jahre älteren Bruders Ende des vergangenen Jahres hat mich in einigen Bereichen für die Zukunft doch nachdenklich gemacht. Ich habe mir daher vorgenommen, fortan bestimmte Dinge viel gelassener zu sehen, als ich es bisher getan habe.

Das Interview führte Martin Siemer.

Weser Kurier / Delmenhorster Kurier, Ausgabe 23. Januar 2019

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